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Die ICHTHYS-Story
Es ist das Jahr, wo die Kaufhausketten Karstadt und Hertie fusionieren, die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in Deutschland rückläufig ist und die folgenden Jahre bleiben soll. Die CSSR spaltet sich in die souveränen Republiken Tschechien und Slowakien und ein Terror-Anschlag auf das New World Trade Centre in New York, der 5 Tote fordert, ist das erste Zeichen dafür, dass der internationale Terrorismus in den USA Fuß gefasst hat.
Aber es gibt noch einen Grund, sich dieses Jahr gut zu merken: am 18. Januar 1993 wird ICHTHYS eröffnet. Ein halbes Jahr nach der Vereinsgründung in der Jakobus-Gemeinde sind die Weichen gestellt: Gebäude sind gefunden, in denen der Traum von Norbert und Katrin Dennewill Wirklichkeit werden soll: ein Übergangsheim für Alkoholiker und Obdachlose. Doch es sind keine Wohnhäuser, sondern alte, verwaiste NVA-Baracken, die seit drei Jahren leer stehen. Und: man kann aufgrund des Status vom Arbeitsamt ABM-Kräfte einstellen, die nun gefordert sind in vielerlei Hinsicht.- Strukturen müssen formuliert werden mit Regeln und Vorgaben. Pläne müssen ausgearbeitet werden in welche Richtung sich alles entwickeln soll. Vor allem aber muss neu aufgebaut werden, was zum großen Teil jetzt marode ist.
Viel Hilfe kommt von Seite der Gemeinde. Jeden Samstag gibt es Arbeitseinsätze von Freiwilligen. Und es wird in der ersten Zeit ein Mittagstisch organisiert, denn die Kücheneinrichtung ist nicht zu gebrauchen: Frauen kochen zuhause und bringen das Essen in die Arcostraße. Bis in den Herbst wird so die Zeit überbrückt, dann kommt Esther Vollenweider ins Team, die mit den inzwischen aufgebauten Utensilien die Mittags-Verpflegung kochen kann. Das ist auch die Zeit, in der die Einrichtung vom Landessozialamt (LSA Cottbus) anerkannt wird und von nun an Anträge zur Bewilligung von Kostenübernahmen stellen kann.
Anfangs mit gemieteten Transportern, dann mit einem alten ausgemusterten LKW des Militärs (Verbrauch: 30 Liter Normalbenzin) wird heran gekarrt, was an Möbeln alles gespendet wird. Und das ist nicht wenig, denn die Spendenbereitschaft ist groß, das Projekt ICHTHYS hat sich herum gesprochen. Das Team besteht anfangs aus drei, dann 5 Personen, bei denen jeweils nur für ein Jahr die AB-Maßnahme finanziert wird mit Aussicht auf Verlängerung.
Die Anlage besteht aus zwei Häusern (damals genannt: »Steinhaus« und »Holzhaus«), einer großen Garage, in der drei LKW Platz hätten und einem großen Schuppen. Dies alles liegt auf einem großen Gelände hinter der Arcostraße 40-42. Da das »Holzhaus« einst zur Unterbringung der Soldaten konzipiert war, also große Schlaf- und Unterrichtssäle aufweist, gilt es, hier zuerst mit Renovierungen und Umbauten zu beginnen. Für viele neue Bewohner, die entweder soziale Schwierigkeiten hatten oder Probleme mit dem Alkohol, erweist sich die Arbeitstherapie als sinnvoll in doppelter Hinsicht: es wird etwas „Praktisches“ dazu gelernt und: es ist zu sehen, hat bleibenden Wert, was da gemacht, gebaut wird und ist eben nicht nur Beschäftigung. Hier wird eine Plattform gegeben, sich neu auszuprobieren, eigene Fähigkeiten zu entdecken, die vorher im Verborgenen schlummerten.
Kräftig unterstützt wird der systematische Ausbau der Häuser von W&W (Work and Witness) Teams aus Amerika, die mit Begeisterung ins Land der Trabbis kommen. Die Nazarener sind nicht nur gute Handwerker, sie sind auch spendabel. Ohne ihre finanzielle Unterstützung würden viele Pläne viel länger auf ihre Verwirklichung warten müssen. - Abhilfe kommt auch zur rechten Zeit, als der Hauptofen kaputt geht und Carsten S. „aus dem Westen“ kommt, mit einem Gussofen, der es seit 17 Jahren bis zum heutigen Tag schafft, das nötige Heizwasser zu erzeugen.
Dann, am 2. Weihnachtstag 1998, ein Rückschlag: ein altes Kabel verursacht einen Brand, bei dem das Holzhaus bis auf die Hälfte in Flammen aufgeht. Personen kommen nicht zu Schaden. Die Leute müssen nun provisorisch im Steinhaus untergebracht werden. - Dann geht der Wiederaufbau verhältnismäßig zügig vonstatten. Denn nun können Firmen mit vielen Arbeiten beauftragt werden. Dazu gehört auch Herr Gödel, der im Solo-Einsatz das neu erstandene Holzhaus verklinkert. - Im Herbst 1999 ist das Haus fertig.
Fertig? Man kann den Eindruck bekommen, bei ICHTHYS sei nie etwas fertig. Denn es kommen immer wieder neue Ideen auf, wie etwas verbessert werden kann oder verschönert. Wärmeisolierung und Solaranlage, Holzwerkstatt und Tiergehege sind nur ein paar Beispiele.
Doch auch auf den Gebieten der Therapie und Betreuung hat sich viel getan. Kurse zur Behandlung der Spielsucht oder Nikotinabhängigkeit werden angeboten. Wohngemeinschaften in Außenbezirken werden betreut. Und so ist ICHTHYS inzwischen nicht mehr eine reine Übergangseinrichtung, eher Anlaufstation für die Probleme der modernen Zeit. Die auch Opfer fordert, wie einige Rückschläge von Betroffenen zeigten. Der ungeschützte Alltag hatte sie eingeholt. Diese Rückfälle dürfen aber nicht demotivieren. Denn es gibt auch genug Beispiele von solchen, die diese Institution nutzen konnten, um einen neuen Anfang zu machen. Für sie ist ICHTHYS Geburtsstätte für ein neues Leben.
U. Köppen
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